oder: dramatisches Gedicht über eine blaue Stunde im Stile eines Blechtrommlers
Prolog.
Deutschland, Land der Tragödiendichter / Der neue König des ernsten Fachs: Der FC Bayern / Die Engländer, seit Shakespeare Experten in den Fragen unrechtmäßiger Regentschaft, besteigen Europas Fußballthron / Arthur schreit: Jogi, mach uns den Hamlet und räche diesen Königsmord! / Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage / Anstatt zu antworten, zeichnet Arthur den tragischen Fünfakter dieses denkwürdigen 19. Mai nach / Und berichtet von ehernen Gesetzen, die zu Staub zerfielen / Mit zitternden Fingern und Tränen in den Augen /
11.30 Uhr – 20.45 Uhr. Sat1 überträgt ab halb zwölf, hat nach fünf Minuten alles gesagt und zeigt fortan, dass es noch mehr drittklassige Sportmoderatoren beschäftigt als Konkurrent Sky. Beim Spiel der Bayern-Legenden gegen eine Weltauswahl tritt eine Armee der Vergessenen gegen den Ball, weil Breitner-Paule ihnen dafür Endspielkarten klarmacht. Helmer, Jancker, Tarnat, Babbel und Co sind bester Laune. Jean-Marie Pfaff hat eine Kerze für den FCB angezündet, ein hackedichter Sepp Maier gibt sich schon siegestrunken. Okocha sprüht, Makaay und Elber treffen gegen Jens Lehmann, die Stimmung ist Bier holen. Alles vom Feinsten, also. Die Champions-League-Hymne vor dem Spiel drischt David Garret in die Saiten und ist damit endgültig neben Matze Knop der nervigste Deutsche. Die offizielle Choreografie ist erbärmlich, die Choreografie der Bayern-Fans amtlich. Es ist angerichtet /
Akt 1, Halbzeit eins: Exposition.
Das Drama wird nicht ihre Handschrift tragen, aber die Aura des Abends hat auch ihr Gesicht: Kapitän Philipp verteidigt sich in ein anderes Universum, in dem weltliche Körpermaße keine Geltung haben. Gewinnt seine Kopfballduelle teilweise gegen zwei englische Modellathleten, bringt im Zweikampf immer irgendwie eine Gräte an den Ball und gibt nach vorne mehr Gas als Roman Abramowitsch. Feldherr Anatoliy glänzt mit ukrainischen Feldarbeiter-Fähigkeiten und senst wiederholt Chelseas langen Hafer aus der Gefahrenzone. Wie im Abschlusstraining geübt, ist auch das Kopfballspiel bei hohen Bällen in sein Defensiv-Revier nahezu tadellos. Und wenn´s doch mal ein Problem gibt, schlappt Nebenmann Boateng vorbei und macht reinen Tisch wie Calmund bei seinem Lieblingsitaliener. Abzug gibt’s an diesem Abend lediglich für die Frisur. Gestutzt und Hochrasiert erinnert Timos Haarschnitt – sonst irgendwo zwischen Alexander dem Großen und Florian Silbereisen einzuordnen – eher an eine Mischung aus Britta Steffen und dem Bundesmerkel. Frisurenkönig an diesem Abend: Kalou, mit der Spinne auf dem Hinterkopf. Wie es die klassische Dramaturgie vorschreibt, macht der erste Akt das Spannungsfeld klar: Es spielt der Knabe am Schlupfloch der Natter. Der Knabe, mit jungenhaftem Elan anrennend: Der FCB. Die Natter, sich einigelnd: Der FC Chelsea. Die Engländer mit einer Taktik, von der selbst Catenaccio-König Trapattoni staunend gesagt hätte, sie sei defensiv. Eine Art Fußball zu spielen, gegen die das griechische Spiel von 2004 Hurra-Fußball ist /
Akt 2, Halbzeit zwei: Das Drama spitzt sich zu.
Der Hass auf dieses Chelsea wächst, die Angst um diesen FCB greift um sich. Die hundertste Ecke verfängt sich in englischen Söldnerbeinen. Bayerns Offensive fährt andere Geschütze auf als noch eine Woche vorher gegen die Biene Maja. Mit jedem Dribbling, jedem Ballkontakt sagen Robben und Ribéry: Das ist unsere Bühne, das sind unsere Gegner. Man rotiert, man macht Tempo, man verlagert, man schießt. Und dennoch, in arge Bedrängnis kommt das Tor von Petr „Supermario-Toad“ Cech selten. Dann ein Adrenalin-Stoß als würde in einem Moment gleichzeitig Lehmann den entscheidenden Elfmeter gegen Argentinien parieren, Robben das erlösende 3:2 gegen ManU schießen und Bastian vom Punkt gegen Real einnetzen: Müller köpft mit einer Bewegung, für die die Bezeichnung „einnicken“ erfunden wurde, nach Kroos-Flanke zum 1:0 ein. Jubeltraube, Freudentaumel, Hoeneß grinst breiter als Paul Breitner und Bob Marley zusammen. Bayern hat zwei Hände am Henkel-Pott.
Dann das Grauenvolle: Chelsea mit seinem ersten Eckball, seiner ersten Torchance. Obwohl van Buyten mittlerweile auf dem Platz steht, kümmert sich Jerome um den Wunder-Ivorer. Drogba tankt sich der Flanke entgegen, schraubt sich hoch, wuchtet den Ball ins Gehäuse. Neuer bringt die Hände noch an das Geschoss, allein, es soll nicht sein. Vergessen Sie alles, was die letzten zehn Jahre über modernen Offensiv-Fußball gelehrt wurde. Das ist so 90er, das ist so Bierhoff, so Charisteas, das ist Drogba, das ist so wahnsinnig ungerecht. Damit ist klar, wer der Protagonist dieser Tragödie sein wird: Didier Drogba, der fleißig an seinem Mythos schreibt. Derweil schüttelt sich Schweinsteiger, der doch eigentlich der Held des Abends hätte werden sollen, vor Krämpfen. Stehend, sitzend, liegend KO quält er sich über den Platz. Und mit der Torres Einwechslung kriecht die Angst in deutsche Nacken. Bedingt witzig. Ebenso Sat1, das nach dem Chelsea Trainer fragt: Antwort A: Di Matteo oder Antwort B: Der Loddar /
Akt 3, Verlängerung eins: Festgefahren.
Mit König Arjen steht jetzt auch der tragische Anti-Held fest: Nach Drogbas Foul an Franck fischt Cech den Ball aus dem Dortmund-Eck. Keiner der Chelsea-Verteidiger hat noch die Kraft, den Subotic zu machen. Schweinsteiger erlebt´s kniend und mit geschlossenen Augen vor Manuel. Der Ritterschlag bleibt aus. Und man will wütend sein auf Arjen, hat aber gleichzeitig das Gefühl, dass auch kein anderer Bayer diesen Elfmeter verwandelt hätte. Kommentator Wolff Fuss über die Mauerarbeiten der Engländer: „Bei aller Liebe, das muss bestraft werden.“ Bei den Bayern ist weit und breit weder ein Teichoskop, noch ein Strafvollzieher in Sicht. Dafür Sat1 jetzt mit dem Anflug von Humor: Als Arjen den Ball führt, wird großformatig der Verweis auf auf die Sendung „The Biggest Looser“ eingeblendet. Robben kriegt sein Fett weg, soviel ist sicher /
Akt 4, Verlängerung zwei: Taumeln.
Rettet sie, sie sterben. Man wankt, man taumelt, man übergibt sich dem Schicksal. Schweinsteiger bewegt sich als wäre er tot und müsste sich selbst zu Grabe tragen. Arjen Robben schaut, als hätte er schon die Schlagzeilen vom nächsten Tag gelesen. Chelsea wirkt merkwürdig ruhig. Es ist was faul im Staate Dänemark /
Akt 5, Entscheidung vom Punkt.
Alle Wirrungen lösen sich in ein Tränenmeer. Keine blinde Überzeugung in den Gesichtern der Bayern vor dem Ausschießen wie noch im Halbfinale gegen Real. Eher Angst und völlige Erschöpfung. Mühsam kratzt Don Jupp fünf Schützen zusammen. Robben beendet seine persönliche Erzählung mit einem Leerzeichen. Niemals darf Schweinsteiger das Schicksal auf diese Weise herausfordern und wieder als letzter Schütze antreten. Der finale Stoß bleibt dem großen Didier Drogba überlassen. Der trifft ins rote Herz. Hoeneß` Traum stirbt im Kindbett. Fußball ist ein schlimmes Spiel /
Epilog.
Das eherne Gesetz / von der Überlegenheit der Deutschen über die Engländer / im Nervenspiel vom Punkt / Es war einmal / Tod dem Kerner, der Jupp / über Zukünftiges ausquetscht und nur Schwachsinn faselt / Friede mit Don Jupp und den Seinen / Die Kaiser-Analyse: Irgendetwas war immer dazwischen: Ein Bein, ein Fuß, eine Nase / Der bayerische Alptraum hat jetzt Name und Gesicht / Und Bein und Fuß und Nase / Die blaue Stunde des 19.5.2012/ ist eine der bittersten in der Geschichte des FC Bayern / In der Sky-Expertenrunde beäumeln sich Ballack, Elber und Sammer, als die Nachricht über die von Abramowitsch in der Kabine ausgelobten 12,5 Millionen Euro Siegprämie durchsickert / Uli verspricht 60 Millionen für den Großangriff in der nächsten Saison / Stille in der Mannschaftskabine, Stille beim Bankett / Arthur schreit: Jogi, mach uns den Hamlet und räche diesen Königsmord! / Manuel Neuer zur Stimmungslage: „In mir drin, da ist nichts, was soll in mir vorgehen.“
In diesem Sinne,
Arthur

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