Erdiges von den Olympischen

Kurzes Ankerlegen in Marseille. Hafenpinten, Tätowierer, Nutten und ein Fußballspiel im weitesten Sinn. Mittendrin: Monsieur Ribéry, der beim Hafenspaziergang durch die Vergangenheit seine neue und ewige Liebe FCB nicht aus den Augen lässt. Als nerviger Nebenbuhler: Schiffsjunge Matze Sammer mit der poliertesten Glatze an Deck. Auch dabei: Agrarwirt Andrade, der zwischen zwei Pfosten steht wie Franck Ribéry nach dem Spiel zwischen besagtem Sammer und Sky-Obertrompeter Jan Henkel. Überall und Nirgendwo in diesem erdigen Treiben, zwischen Pastis und dem nächsten heißen Teller Bouillabaisse.: Enterkönig, Meuter-Meister, Smutje, und Geschichtenerzähler Arthur.

Seemannsgarn oder die Tohüter-Legende

Warum sollte man sich immer einen guten Keeper zwischen die Pfosten stellen. Man besetzt ja heutzutage auch Präsidentenämter mit mailändischen Orgienorganisatoren oder unternehmernahen Steppenwulffen und Cheftrainerposten mit ungelernten Psychologen (im familiären Kaiserreich des Clubs einer bayerischen Landeshauptstadt) oder Rhetorik-geschulten griechischen Halbgöttern (im ungastlichen Wohnzimmer einer alten Dame). Warum also nicht statt dem besten Ballfänger den größten Geschichtenerzähler ins Tor stellen. Arthur für seinen Teil ist seit gestern großer Fan des brasilianischen Lebenskünstlers Elinton Andrade, Marseilles drittem Torwart mit erstklassiger Indianermähne, und sieht sich deshalb auch genötigt, dessen in der Bild-Zeitung abgedruckte Lebensbeichte an dieser Stelle wörtlich wiederzugeben:

Da war ich ohne Verein, Geld, Dokumente und ohne meine Frau, die mich verlassen hat. Es waren die schlechtesten Momente meines Lebens, aber ich habe nie aufgehört zu arbeiten. Ich trainierte alleine, auf einem Feld mit Hennen und Schweinen. Ich pflanzte Kartoffeln, Tomaten und Gurken, um den Leuten zu helfen, bei denen ich wohnte. Montags kletterte ich auf einen Berg, dienstags rannte ich mit den Schafen.

Die Hennen und Schweine scheinen freilich nicht besonders platziert geschossen zu haben. So blieb die Torhüter-Leistung des Brasilianers überschaubar wie der 1,67 Meter große französische Mitspieler-Stöpsel Mathieu Valbuena, den sie in Marseille „le petit vélo“ nennen. Aber die Torhüter-Leistung ist eben auch nicht der Maßstab, an dem sich der große südamerikanische Erzähler Elinton Andrade messen lassen muss. Gabriel Garcia Marquez, Mario Vargas Llosa, Elinton Sanchotene Andrade. Arthur ist begeistert und hofft, dass man sich in Marseille auch in Zukunft mehr Mühe bei der Suche nach ausgefallenen Spitznamen als nach guten Ersatztorhütern macht. Einstweilen lauscht er den Reiseberichten einer Tomate, einer Gurke und einer Kartoffel und grüßt klingelnd von seinem kleinen Fahrrad, um das sich lustig scherzend die Schafe tummeln, und mit dem er jetzt auf einen Berg steigen wird. Obwohl Donnerstag ist.

Kompasslose Irrfahrt mit gutem Ende

Warum sich Arthur eine halbe Seite lang über einen brasilianischen Fliegenfänger auslässt? Weil das Viertelfinalspiel des FCB gegen den französischen Krisenclub alles andere als ein Blickfang war und deshalb an sich keiner Silbe wert ist. Als Straßenfußball auf unterstem Niveau könnte man die ruppige Partie vielleicht bezeichnen. Taktisch so undiszipliniert wie Mario Basler nach der ersten Maß. Hüben wie drüben Räume so groß wie auf einem Militärversuchgelände. Und die wurden (Arthur pazifistisch) noch schlechter genutzt. Weiterhin bleibt das Bayern-Spiel von Idividualisten abhängig. Der bayerische Spielaufbau setzte gestern nur auf die Flügel wie KFC bei der Hühnchen-Frage und die Mitte verwaiste dabei wie Lloret in der Nebensaison. Chancen Mangelware, Hingucker Fehlanzeige.

So wenig Sagbares ereignete sich, dass das verzweifelte Sportjournalistengeklüngel gar mit zaghaften Laserpointer-Angriffen auf Manuel Neuer nachhelfen musste. Sei’s drum. Positiv formuliert tat der große FCB gegen ein erschreckend schlechtes OM nicht mehr als nötig und steht mit 1 5/6 Beinen im Halbfinale wo bei APOEL mit Tormann Dionisios Chiotis die nächste Legende auf der Linie wartet. Schonung für das Nürnberg-Spiel konnte betrieben und mit der Einwechslung von Daniel „Micky“ Pranjic die ultimative Marseille-Demütigung und Arrogantia-Zurschaustellung zelebriert werden. Alles in Butter also wie bei der Menüfolge eines Sumoringers.

Die Schiffsbesatzung: Stolzer Spanier, ein hörbarer Kapitän und ein lässiger Charlottenburger

Für erstes Kopfschütteln sorgte der Blick auf die Sky-Kommandobrücke. Kein Marcel Reif, kein Fritz von Thurn und gelben Autos. Stattdessen Kai Dittmann bei Marseille gegen Bayern und der unbekannte Sascha Roos beim Topspiel Mailand gegen Barca. Der Schmalhans ist Küchenmeister beim Großprotzsender. Der Sparfuchs vertreibt die Platzhirsche. Marcel Reif wird’s freuen. Er ist und bleibt eben ein reiner Festtagskommentator. Die raue Hafenluft wäre ihm sowieso nicht bekommen, dem Feingeist und Luca-Toni-Intimus.

Sehr gut schien der Geruch von Salzwasser und Schiffsöl dagegen dem kleinen Capitano Philipp Lahm im Näschen zu liegen. Vielleicht war er auch einfach glücklich, Dank Valdano einmal nicht der kleinste auf dem Feld zu sein. Jedenfalls spielte er wie ein ganz Großer (seit Wochen schon) und holte sich, man traut kaum dem eigenen Wort, eine Gelbe Karte wegen Meckerns!! Kahnesk könnte man fast sagen. Allerdings kam dem zarten Kapitän-Stimmchen entgegen, dass das Vélodrom zu Marseille verwaist war wie die Bayerische Mitte (dazu der Filmfilmfilm „Toni Kroos. Ein Zwischenspieler zwischen rotem Teppich und Wolke Sieben). Sonst wäre der neue Philipp wahrscheinlich unerhört geblieben.

Desweiteren zu erwähnen: Kartenspieler Schweinsteiger holte sich die Gelbe und garantiert sich seinen Einsatz gegen Real; Jerome, der Prinz von Charlottenburg, schien ein bisschen zwillingsübernächtigt zu sein und leistete sich die ein oder andere Nacht- und Nebelaktion im Strafraum; Taghell strahlt dafür im 16er die wiederaufgegangene Sonne von Sir Manuel; Arjens Brust ist mittlerweile wieder so breit, dass man Angst um sein hautenges Jersey haben muss; Referee Carlos Velasco Carbalo ist ein Spanier; Francks Liegestütze-Wette mit dem lustigen Herr Sammer wird einfach nicht spannender; der französische Verband zeigt mit der Verschiebung des kommenden Marseille-Spiels nicht gerade die Tugenden eines fairen Sportsmanns. Ist aber schließlich auch ein Verband und kein Sportsmann.

Arthur ist’s egal. Er hälts mit Sportsfreund Franck: „Für mich ist das lustig, egal, was passiert mit diese Verein.“

In diesem Sinne. Auf euch!

 

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One Response to Erdiges von den Olympischen

  1. Eric 31. März 2012 an 08:01 #

    Einfach mehr tanzen: http://www.youtube.com/watch?v=e4V12l1O2Xc

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