20 Zentimeter zwischen Licht und Schatten

Der große Showdown barg Licht und Schatten. Zweifellos bestens ausgeleuchtet von Sky und dessen schattenhirniger Stimmenfängerinnenarmada. Wie immer über jeden Zweifel erhaben: Irrlicht Marcel Reif und Schattenmann Franz Beckenbauer. Mit von der Partie zwei Feldläufer unterschiedlicher Leuchtkraft: Eine hell strahlende österreichische Lichtgestalt und ein Journalistenliebling als Schatten seiner selbst. Es rekapituliert von einem schattigen Plätzchen aus: der doppelzüngige Arthur, zwischen dem Licht der Erkenntnis und emotionaler Umnachtung, in Reifs Ruderboot zunächst medias res umschiffend, dann kurz und schmerzvoll kenternd.

Vom Herrn der Ringe und anderen großen Geschützen

Eigentlich war alles angerichtet für ein Fußballfestmahl von callmundschen Ausmaßen: Arthurs Herzenssender jongliert auf der Festwiese mit von bombastischem Klassik-Klang triefenden, sepia-gezeichneten Trailern. Am Sky-Expertentisch versammeln sich bestens gelaunt und getarnt als die Herren Hellmann, Freund, Fjörtoft und Merk, Tolkiens Schwarze Reiter. Auf der Tribüne witzeln derweil die Helden-Hobbits Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie. Erst der zweite Blick identifiziert sie als zwei einfache, baseballbekappte Mittelstufenschüler der Gesamtschule Dortmund-Eving. Und erst der dritte enttarnt die Sportsfreunde Reus und Götze.

Durch die bunte Peripherie des Gigantengipfels stöckeln clownesk überschminkt die Sky-Stimmenfängerinnen, die aussehen wie den feuchten Träumen von 14-jährigen Fußballinternatsschülern entschlüpft. Unbeeindruckt davon, mit stolzem Schritt und ebenso geschwellter Brust, durchmisst Sir Jogi, der große Zampano, mit glitzerbesticktem Schal das Feld. Es flattern Luftballons in den Stadionkatakomben. Und die Südtribüne des Signal-Iduna-Parks blamiert sich mit You´ll never walk alone, umwittert vom bekannten Törö der Kommentatoren-Elefanten Reif und Beckenbauer. Ein eingeblendeter Countdown verflüssigt die atemlosen Sekunden bis zum Anpfiff zu Adrenalin und Angstschweiß.

Das einzige Manko der Inszenierung: Ein weiterer Zeitzähler wäre nötig gewesen, der die Zeit bemessen hätte, die Marcel Reif benötigte, um sein Fähnchen zu positionieren und sein kursloses Ruderboot der Parteinahme an einem Ufer festzumachen. Arthur zählte zwei Minuten, da war bereits die Rede von in Grund und Boden gespielten Bayern und bayerischen Angriffen als Fluchtversuchen. Unterstützt von gähnender Zustimmung seines Beischläfers Beckenbauer, der unter den Millionen Zuschauern sicherlich der war, den das Spiel am wenigsten interessierte und der laut Hellmann „auch für die nächsten Jahre unser Partner bei Sky“ sein wird. Arthur schlägt drei Kreuze und nagelt sich an eins davon.

Problem, System, Reif, Frucht

Dass das so eingeläutete Fußballfest die Erwartungen dann nicht erfüllen konnte – es war vorhersehbar. Ebenso wie das, was sich auf dem grünen Rasen entwickelte. Dortmund mit klaren taktischen Ideen und Systemfußball; die Bayern wie immer auf Geniestreiche hoffend. Freilich, das System zeigte sich in Halbzeit eins dem Individualisten-Klüngel überlegen, bayerische Geistesblitze waren zunächst Mangelware wie es Bananen auf Dortmunder Obstmärkten in den nächsten Tagen sein werden. Dortmund erarbeitete sich Güteklasse-A-Chancen trotz eigentlich ordentlicher Münchener Defensivarbeit, die Bayern-Offensive präsentierte sich zumeist pomadig wie Mario Gomez zu seinen Langhaar-Zeiten. Keine Flügelflitzer-Rochaden, kein Thomas Müller als Raumdeuter-Ubique, Löcherreißer und Robbenretter, ein offensiv zurückhaltendes Kapitänchen. Und was wieder einmal gesagt werden muss: Es grassiert die Divenhaftigkeit bei Kroos (nicht Grass). Sparsam mit Sprints als ginge es um seine letzte Tinte, überheblich und uninspiriert wie der gealterte Nobelpreisträger, doch von Ziehvater Jupp nicht mit verbalem, aufrüttelndem Blechgetrommel, sondern mit großväterlich gütigen Blicken bedacht. Arthur und Herr Kroos, die werden keine Freunde mehr.

Dennoch: Nachdem die erste Hälfte und damit das stürmische Drängen der Kloppschen überstanden war, schien das Spiel zu Bayern-Gunsten zu kippen. Die Zeit war Reif, bzw. Zeit für Reif, sein Rotwein atmendes Fähnchen in den sich drehenden Wind zu hängen und zurückzurudern. Es könnte ja, so dachte Reif laut – und man ahnt zurecht Böses, wenn er zu denken beginnt, dieser Reif – es könnte ja auch die Strategie des Strategen Heynckes gewesen sein, dem BVB in der ersten Hälfte so viel Raum zu geben, um dann gegen Ende der zweiten eiskalt zuzuschlagen. Es könnte, so dachte Reif 20 Minuten später nach dem Tor des Tages, auch die Strategie des Strategen Klopp gewesen sein, den FCB zu Beginn der zweiten Hälfte etwas kommen zu lassen, um dann eiskalt zuzuschlagen. So war letztendlich der grottenschlechte Marcel als einziger über jeden Strategieverdacht erhaben. Jagutähh, neben Nebenmann Franz natürlich. Aber schlafende Kaiser will auch Arthur nicht wecken. Stattdessen staunt er lieber, zu welch murmelnder Weisheit selbst ein dösender Weltmeister, Europameister und Sky-Hausmeister noch fähig ist: “Es hat noch nie einen unverdienten Meister gegeben, denn wer Meister wird, hat es verdient.” Amen.

Hand aufs Herz oder Kentern in medias res

Um das franzeske, kernlose Palaver und die Flucht in Randgeschichten zu beenden: Die kardinalen Momente des Spitzenspiels emotional zusammengefasst: Beim Eckball, der zu Dortmunds Siegtor führte, lag der Ball mindestens 20 cm neben der Markierung. Dann: Welchem Fußballgott kann es gefallen, dass ausgerechnet die Trauerweide Weidenfäller nach dem gehaltenen Elfmeter den Heroen geben darf. „Was ging ihnen in dem Moment durch den Kopf“, fragt das Sky-Mikrofon. Der Gefragte druckst herum, doch Arthur weiß die Antwort: In Romans Kopf sah und sieht es immer ungefähr so aus wie während des Revier-Derbys auf den Dortmunder Straßen. Dann: Muss der Kloppo dem FCB in den Schlussminuten noch Unsympath Leitner aufs Auge drücken? Und: Was ist das nach dem Elfmeter für eine Aktion von Kollege Subotic?

Nüchtern betrachtet: Der BVB gewinnt verdient gegen Bayern und holt sich völlig zurecht die Schale. Beim FCB wird man hoffentlich ein paar Dinge überdenken und dann in der nächsten Saison mit neuem Übungsleiter auf den Zug Richtung modernem Fußball aufspringen. Vorerst heißt es Schwamm drüber und beten, dass es gegen Real nicht allzu peinlich wird. Und wenn’s doch ganz dicke kommen sollte: Sich einfach über David Alaba, den bald besten Linksverteidiger der Welt freuen.

 

So macht’s zumindest Arthur.

Bleibt’s ihm gewogen.

, , , , , , , , , , , ,

One Response to 20 Zentimeter zwischen Licht und Schatten

  1. Arthur 13. April 2012 an 18:03 #

    Über neue Artikel informiert Arthur hier:

    https://www.facebook.com/pages/Arthur-Friedenreich/152177964040